Ein Netzwerk des Vertrauens

Corinna Brückner hat die Initiative „Von Tellerrand zu Tellerrand – Kultur geht durch die Küche “ aufgebaut. Das Konzept: Deutsche und eingewanderte Frauen kochen zusammen. Daraus entstehen Kontakte, private Netzwerke und, im Idealfall, Vertrauen.

„Ich träume davon, ein bundesweites Netzwerk des Vertrauens aufzubauen“, sagt die Kölnerin. Als Unterstützer konnte sie, neben vielen Einzelpersonen, auch große Unternehmen in ihrer Region gewinnen, darunter die IKEA Filialen in Ossendorf und Godorf, REWE Ramahti und das Christliche Jugenddorfwerk (CJD) in Frechen. Ihren ganzen Einsatz erbringt die Journalistin und Drehbuchautorin ehrenamtlich. Ein Protokoll.

„Als ich 2013 für die Kölnische Rundschau als Gerichtsreporterin arbeitete, fing diese Idee an, in meinem Kopf Gestalt anzunehmen. Ich erlebte junge Flüchtlinge vor Gericht oft in einem problematischen Kontext. Viele von Ihnen waren alleine und im Alter meiner Kinder, manche auch jünger als sie. Ich habe mich gefragt: Was wäre, wenn meine Kinder flüchten müssten? Was würde ich mir für sie wünschen in einem fremden Land? Ich würde nicht wollen, dass sie als Problem wahrgenommen werden! Und das können wir auch für die Menschen, die zu uns kommen, nicht wollen.

Ich habe mich oft gefragt, wie sich diese jungen Menschen entwickelt hätten, wenn sie den Halt einer Familie gehabt hätten. Familien spielen eine wichtige Rolle für die Sozialisation. Dabei sind es meiner Erfahrung nach oft Frauen, die in Familien alles zusammenhalten. Und überall wird gekocht. So kam ich auf diese Idee, Menschen über das Kochen zusammen zu bringen und ein Netzwerk zu schaffen. Es gibt ja auch andere Initiativen, die sich um gemeinsames Essen drehen, wie das Welcome Dinner, aber mir war wichtig, den Fokus auf Frauen zu legen. Die Stimmung ist einfach lockerer, wenn Frauen unter sich sind. Der bisherigen Erfahrung nach hat sich das auch bewahrheitet.

Anfang 2018 gab es das erste gemeinsame Kochen mit 24 Frauen im CJD Frechen. Alle waren mit viel Herzblut dabei! Aber bis dahin war es ein weiter Weg und ich musste viele Klinken putzen. In Köln erfuhr ich zwar meist Zuspruch für meine Idee, aber es hieß immer: Finden Sie eine Küche, wo man das machen kann, dann unterstützen wir Sie gerne. Das war nicht so einfach. Aber mit Unterstützung einer Bekannten aus der Frechener Frauenunion gelang es schließlich. Sie stellte mir einen Kontakt zur Frechener Bürgermeisterin her, die holte die Flüchtlingsbeauftragte mit ins Boot, und so nahm das Projekt Fahrt auf.

Im Austausch bleiben per Whatsapp

Der Kochabend lief dann so: Sechs deutsche Frauen und sechs geflüchtete Frauen hatten sich jeweils ein Gericht überlegt, das typisch für Ihre Heimat ist. Was gebraucht wurde, hatten wir vorher genau geklärt und wurden dann durch REWE Rahmati und IKEA gesponsert. Damit keine allein kommen musste, durfte jede Teilnehmerin eine Freundin oder Bekannte mitbringen. Für diese zwölf Frauen, die nicht als Köchinnen kamen, hatte ich mir teambildende Maßnahmen aus dem Coaching überlegt. Aber dann kam es ganz anders! Die Küche war ja für uns alle neu, und als wir mit 24 Frauen hinein kamen, gab es erst mal so viel herauszufinden, dass wir gar keine teambildenden Ideen mehr brauchten. Schließlich hatten wir jede Menge Köstlichkeiten auf dem Tisch, von denen ich heute noch träume. Und wir haben eine Whatsapp Gruppe gegründet, über die wir in Kontakt bleiben. Da haben wir uns schon jede Menge Fotos von neuen tollen Gerichten geschickt.

Aber es geht auch darum, sich zu helfen. Zum Beispiel hatte eine Familie endlich eine Wohnung bekommen, aber noch keine Möbel. Zu der Zeit war grade mein Schwiegervater verstorben. Ich habe dann einen Familienrat einberufen, und wir haben uns dafür entschieden, seine Möbel weiterzugeben. Das war für alle Seiten eine gute Erfahrung! Ich habe mich darüber gefreut, auf diese Weise näher in Kontakt zu bleiben und verfolgen zu können, wie es mit der Familie weiterging. Die junge Frau hatte mir beim Kochen auf meine Frage nach ihrem Beruf noch ganz erstaunt geantwortet, dass sie Mutter sei. Jetzt sagte sie mir, dass sie inzwischen eine Ausbildung zur Erzieherin anstrebt. Ihr Mann, der als Analphabet hierher kam, zeigte mir neulich einen langen Text auf Deutsch, den er geschrieben hatte. Mit nur drei Fehlern drin! Das ist wirklich eine steile Lernkurve.

Ich freue mich, dass schon weitere Kochtermine feststehen und wünsche mir, dass die Idee an vielen Orten aufgegriffen wird, damit ein bundesweites Netzwerk daraus entsteht. Dabei ist es sicher von Vorteil, dass alle meine regionalen Sponsoren auch deutschlandweit aufgestellt sind. Dieser Umstand war mir von Anfang an aus strategischen Gründen wichtig. Mein Ziel es, bundesweit Koch-Abende „Von Tellerrand zu Tellerrand“ veranstalten zu können!“

Das nächste gemeinsame Kochen ist für den 1. Dezember 2018 im CJD Frechen geplant. Weitere Informationen gibt es unter http://www.von-tellerrand-zu-tellerrand.org/