„Alter! Zitrone!“

Auf dem Gertrudenhof in Hürth bei Köln kommen auch Menschen, die das nicht gewohnt sind, mit der Natur in Berührung. Das ist der beste Weg, sie für nachhaltige Konzepte zu begeistern, findet Landwirt Peter Zens.

Ein kalter, klarer Herbstmorgen. Freie Sicht über die Felder und schon viel los auf dem Gertrudenhof in Hürth-Hermülheim.

Mitarbeiter laufen geschäftig zwischen Hofladen und Weihnachtsmarkt hin und her. Ein paar Kleinkinder tapsen an den Händen ihrer Mütter am Tiergehege entlang. Um diese Zeit haben sie noch freie Sicht auf die gutmütigen Rinder, die drolligen Schweine und die frechen Ziegen, denn größere Kinder drücken jetzt noch die Schulbank. Nur um die Grillhütte herum tollt eine Schar von 12- bis 13-Jährigen: Sechstklässler aus der Hauptschule einer benachbarten Kleinstadt haben sich auf den Weg gemacht, um hier ein bisschen Landluft zu schnuppern.

Während die einen schon in gespannter Erwartung das Gelände erkunden, dämmern die anderen noch im Halbschlaf vor sich hin. „Unsere Kinder kommen wenig raus. Viele von ihnen wohnen in Hochhäusern und waren noch nie auf einem Bauernhof“, erzählt die Lehrerin. Die meisten von ihnen hätten keine Vorstellung davon, wo zum Beispiel Gemüse herkäme – sofern sie überhaupt mit welchem in Berührung kämen. Das sei nämlich gar nicht so selbstverständlich. Viele kämen ohne Frühstück in die Schule und hätten als Pausensnack nur eine Tüte Chips dabei.

Gemüseküche hin oder her: Neugierig auf das, was auf einem Bauernhof passiert, waren die Jungen und Mädchen aber doch. In einer Abstimmung setzte sich der Gertrudenhof immerhin gegen einen Indoor-Spielplatz und das Aquarium „Sea Life“ in Königswinter durch. Als nun Hermann, der die Hofführung übernimmt, die Grillhütte betritt, hat er so viel Aufmerksamkeit, wie man von Sechstklässlern um diese Uhrzeit erwarten kann.

Tier mit Schnabel? Delfin!

Nach einer kurzen Begrüßung schüttet er eine Handvoll Vogelfutter auf ein Tuch. „Was ist das, was die Hühner fressen?“, fragt er, und lässt die Kinder die einzelnen Bestandteile genau ansehen. Getreide, Maiskörner, fein zermahlene Muschelschalen. Einer der Jungen ruft, dass man aus Mais auch Popcorn macht. Auch, dass Hühner einen Schnabel haben, ist schnell geklärt. „Und wer hat sonst noch alles einen Schnabel?“, möchte Hermann wissen. „Pinguin“, ruft ein Mädchen. „Wer denn noch? Schwimmt im Wasser“, hilft Hermann auf die Sprünge. Klarer Fall, meint eine andere Schülerin: „Delfin!“

Delfine sind auf dem Gertrudenhof nicht zu sehen, wohl aber zahlreiche Hühner. Als die Kinder in das Gehege der Tiere gehen dürfen, wendet sich das Blatt. Während viele der Mädchen, die vorher neugierig den ersten Infos gelauscht haben, sich jetzt verschüchtert an den Zaun drücken, werden die Jungen, vorher gelangweilt, nun wach. „Komm, ich geb‘ dir was!“, sagt ein dunkelhaariger Junge zu einem Hahn, der auf dem Dach eines kleinen Rondells vorwitzig im Kreis läuft. Recht verkrampft, aber doch entschlossen, streckt der Schüler seine Hand aus. Als er merkt, dass der Vogel tatsächlich nur nach den Körnern pickt, entspannt er sich zusehends, zieht schließlich sogar mit seiner freien Hand sein Smartphone heraus und macht ein Foto. Wenig später trägt er ein anderes Huhn auf dem Arm. „Es ist freundlich“, sagt er ermutigend zu den anderen, die sich noch nicht trauen, die Tiere zu streicheln. „Wie setze ich mein Huhn denn wieder ab?“, möchte später ein anderer Schüler von Hermann wissen. „In die Hocke gehen und dann langsam die Arme öffnen“, erklärt der geduldig. Behutsam entlässt der Junge seinen gefiederten Schützling wieder in die Freiheit.

Nach einem Abstecher zu den Ponys geht es zum Kräuterbeet. Hier darf jeder ein Blatt von einer der Pflanzen zupfen, es zwischen den Fingern zerreiben und daran riechen. „Alter! Zitrone!“, entfährt es einem der kleinen Rabauken überrascht. Die Kinder, von denen ihre Lehrerin sagt, dass sie sonst in ihrer Freizeit fast nur vor dem Fernseher sitzen, laufen begeistert jede Strecke und finden alles interessant, was es zu entdecken gibt – von Stangenbohnen auf dem Regionalacker bis zu den Tomaten im Gewächshaus. Nur die Spinnen, die sich dort häuslich eingerichtet haben, sorgen für einige Empörung. Und ob es wirklich stimmt, dass die grünen Dinger am Tomatenstrauch auch einmal rote Tomaten werden? Eines der Mädchen guckt, als sei sie sich nicht sicher, ob man sie da nicht gerade verschaukeln will.

Regionalität, Saisonalität und Nachhaltigkeit

Tag für Tag führen Mitarbeiter des Hofes Schulklassen, Kindergartengruppen, aber auch Lehrer auf Fortbildungen über den Gertrudenhof. Peter Zens, der den Betrieb in vierter Generation führt, hofft, dass er durch sein Engagement Verbraucher dafür sensibilisieren kann, wie Landwirtschaft, Umwelt und das Verhalten jedes Einzelnen miteinander zusammenhängen.

In vergangenen Jahrzehnten sei politisch vieles in eine Richtung gelenkt worden, die nicht zukunftsfähig ist, kritisiert er: „Überproduktion, Monokulturen, Lebensmittelverschwendung: Dahin wurden die Landwirte lange beraten, subventioniert und gedrängt.“ Noch gut erinnert er sich daran, wie er vor fast zwanzig Jahren die Blumenkohlernte des Hofes zur Versteigerung fuhr. „Es war ein heißer Sommer, der Blumenkohl wurde nicht verkauft und ich musste alles wieder mit nach Hause nehmen. Das war ein frustrierendes, einschneidendes Erlebnis. Diese Verschwendung war mir richtig zuwider“, erinnert er sich. Ein Prozess war angestoßen. Der Landwirt schlug gedanklich eine neue Richtung ein, die er seither konsequent verfolgt. Verschiedene Kontakte bestärkten ihn in seiner Entwicklung, zum Beispiel der Filmemacher Valentin Thurn, der im Dokumentarfilm „Taste the Waste“ anprangert, welche Mengen an frischen, guten Lebensmitteln in den Industrienationen jährlich verschwendet werden.

Regionalität, Saisonalität und Nachhaltigkeit sind seither zu Kernthemen geworden, für die der Gertrudenhof steht. Durch eine umfangreiche Direktvermarktung, zahlreiche Hoffeste, Gastronomie und Kinderspielplätze ist aus dem Bauernhof ein beliebtes Ausflugsziel im Kölner Raum geworden. Peter Zens nutzt die vielen Verbraucherkontakte, um über seine Anliegen zu informieren. Gleichzeitig tritt er in zahlreichen Ehrenämtern für seine Sache ein, unter anderem beim Ernährungsrat Köln, beim Runden Tisch „Neue Wertschätzung für Lebensmittel“ und in anderen Initiativen.

„ Es geht nicht darum geht, perfekt zu sein, sondern bewusst zu handeln. Essen ist ein wesentliches Thema für jeden Menschen, und es kommt auf die Entscheidung jedes Einzelnen an“, meint er. Auf politischem Wege seien zum Beispiel Preise, die eine nachhaltige Landwirtschaft ermöglichen, nicht zu erreichen. „Politiker haben gelernt: Brot und Spiele. Sie möchten, dass Essen billig ist. Trotzdem kann auch auf politischer Ebene viel bewirkt werden“, meint Peter Zens und zählt auf: „Die Politik könnte zum Beispiel umsetzen, dass anstelle eine Mindesthaltbarkeitsdatums ein „Best before end“ auf Lebensmittelpackungen aufgedruckt wird. Auch über die Forschung lassen sich Quantensprünge erreichen, denn da hat die Politik einen starken Hebel: Investiert sie in Forschungsprojekte, die auf Masse setzen, oder in die Qualität?“

Auch in der Förderung von Familienbetrieben sieht er Potential, von dem letztlich alle profitieren würden. „Wir brauchen einen Gegenstrom zur industriellen Landwirtschaft. Das betrifft auch den Bio-Landbau. Wenn Bio-Produkte monokulturell erzeugt werden, widerspricht sich das schon selbst!“

Was er sich wünschen würde, wäre eine Rückkehr zu Werten, wie sie für Landwirte früher vollkommen selbstverständlich waren: „Für mich bedeutet Nachhaltigkeit: so anzubauen, dass auch späteren Generationen noch dieselbe Qualität an Boden und Ressourcen zur Verfügung steht wie uns heute. Dass wir keine Altlasten hinterlassen.

Mein Großvater, mein Urgroßvater – die haben immer darauf geachtet, dass der Boden gesund ist, und ob er selbst die Nährstoffe bildet, die er braucht. Sie haben das nur nicht nachhaltig genannt. Und wenn ich meinem Opa erzählen würde, dass ich heute eine Auszeichnung vom Nabu bekomme, weil wir eine Blühwiese haben, würde er sagen: Jung‘, das ist verrückt!“