Klarheit statt Empörung

Markus Buck ist Presbyter in der evangelischen Kirchengemeinde Köln-Klettenberg. Es ist heute viel schwieriger zu sagen „Ich glaube“ als „Ich glaube nicht“, sagt er.

Markus, du bist Presbyter in der evangelischen Kirchengemeinde Köln-Klettenberg. Wie kam es dazu?

Meine Tochter ist in den Kindergarten der Johanneskirche gegangen. Durch sie haben wir dort einige Gottesdienste besucht. Als ihre Kindergartenzeit zu Ende ging, habe ich ein Fotobuch für alle, die gleichzeitig mit ihr eingeschult wurden, gestaltet. So bin ich aufgefallen und wurde gefragt, ob ich mich für die damals bevorstehende Presbyteriumswahl aufstellen lassen wollte.

Soweit der Ablauf. Aber was hat dich dazu bewogen, ja zu sagen und gerade hier deine Zeit einzubringen? Du hättest stattdessen ja auch in einen Verein gehen können.

Das stimmt. Aber ich habe mich über die Anfrage gefreut und es ist eine schöne Möglichkeit, Dankbarkeit auszudrücken für drei wirklich gute Jahre, die wir als Familie hier während der Kindergartenzeit hatten. Es gefällt mir, als Presbyter Verantwortung übernehmen zu können, insbesondere weil ich finde, dass wir in unserer Zeit mehr klug geführte Debatten brauchen. Viele komplexe Themen werden heutzutage mangelhaft debattiert.

Was gehört denn für dich zu einer guten Debatte?

Zunächst einmal die Begriffsklärung! Das Empfinden für klare Begriffe geht heute zunehmend verloren, und das stört mich sehr. Das entspricht nicht dem, was ich gelernt und wie ich studiert habe. In jeder wissenschaftlichen Arbeit klärt man zunächst die Begrifflichkeiten. Wenn wir das nicht tun, wenn wir also die Philosophie abschaffen und mit ihr die Begriffswelten, dann landen wir im Chaos. Genau das passiert gerade: Wir erleben eine Kultur der Empörung. Menschen empören sich, sind damit emotional ausgelastet und unternehmen schließlich nichts, weil die Positionen trotz aller Aufregung in Wahrheit unklar sind.

Wie siehst du in diesem Zusammenhang die Rolle der Kirche?

Ich finde, die Kirche versucht oft, Aufreger zu vermeiden. Sie könnte ehrlicher sein.

Welche Rollen haben Kirche und Glaube in deinem Leben bislang gespielt?

Als Jugendlicher bin ich zur Konfirmation gegangen, aber mein Elternhaus war eher nicht kirchlich. Die Entscheidung für einen kirchlichen Kindergarten haben meine Frau und ich trotzdem sehr bewusst getroffen, denn die Vermittlung der christlichen Werte war uns wichtig.

Heute erlebe ich meinen Glauben noch einmal anders, auch durch meine Rolle als Presbyter. Ich gehe zum Beispiel öfter, aber auch bewusster in die Gottesdienste und erlebe das als sehr angenehm. Wenn wir das Abendmahl austeilen versuche ich, für jeden die richtigen Worte zu finden, wenn ich ihm das Brot reiche. Das Bewusstsein, das im Auftrag von Jesus zu tun, hat für mich durchaus Bedeutung.

Wo erlebst du Gott im Alltag?

Ich empfinde es so, dass der Heilige Geist wie ein Regen auf alle herabregnet; unabhängig davon, ob sie christlich aktiv sind oder nicht. Viele werden davon durchtränkt, obwohl sie sich dessen gar nicht bewusst sind. So strömt der Heilige Geist durch das Leben, durch die Gesellschaft und durch unsere geistige Kultur. Das finde ich beeindruckend!

Was fasziniert dich an der Bibel?

Wenn man sich der Bibel nähert, gibt es immer Interpretationsraum. Da ist immer etwas zu lernen und zu beobachten, aber es kommt nie ein Dogma dabei heraus. Die Bibel ist kein Werkbuch, sondern ein Buch von Gleichnissen. Die Bibel ist schwierig, aber auch interessant und heute völlig unterbewertet.

Wann hilft dir dein Glaube?

Wenn etwas Schlechtes passiert, denke ich mir: Wer weiß, wofür es gut ist? Es gibt ja in der Bibel die Geschichte von Josef, der von seinen Brüdern verkauft wird. Viel später entschuldigt sich sein Vater bei ihm, und er sagt: Du brauchst dich nicht zu entschuldigen, denn ich war in Gottes Hand. Das sage ich mir, wenn ich Zweifel habe: Wahrscheinlich passiert dadurch jetzt etwas, das sonst nicht passiert wäre.

Findest du es manchmal schwer, zu glauben?

Viele Dinge können wir uns heute rational erklären. Das war anders in den Zeiten, als die Religionen entstanden sind: Damals erlebten die Menschen viele existenzielle Bedrohungen und Phänomene, die ihnen unerklärlich waren. Es liegt in der menschlichen Psyche, sich dann einbetten zu wollen in etwas Größeres; Ausgleich und Hilfe zu suchen angesichts der Dinge, vor denen man Angst hat.

Solche Ängste müssen wir heute nicht mehr haben. Deswegen ist es nicht schwierig, zu sagen: Ich glaube nicht an Gott. Es ist viel schwieriger, an ihn zu glauben. Ich glaube an das Verbindende eines Konsenses, an die Liebe und den Frieden, der darin steckt. Durch ihn sind wir verknüpft mit Gott.

Danke für das Interview!