30 Jahre zurück für 3,10 Euro

Wir kennen alle diese Zeitreise-Geschichten. Es gibt sie ja für alle Altersklassen – vom „Magischen Baumhaus“ über „Zurück in die Zukunft“ bis zu Diana Gabaldons Highlander Saga. Und man meint immer: „Wie trivial! So etwas gibt es doch gar nicht!“ Aber da wurde ich neulich eines Besseren belehrt. Und das kam so:

Ich hatte vormittags einen Interview-Termin im Bachem-Verlag, also am Dom, und musste am frühen Nachmittag für eine Reportage wieder ans Rheinufer. Da lohnte sich der Weg nach Hause nicht. Also packte ich morgens schon meinen Laptop ein und suchte mir für die Mittagsstunden einen Platz zum Arbeiten. Café Reichardt gilt ja als Institution in Köln, und da ich dort noch nie war, fand ich, das wäre die perfekte Gelegenheit.

Was soll ich sagen? Ich war, wie man so schön sagt, geflasht. Noch immer stehe ich unter dem Eindruck ungläubigen Staunens, hätte ich doch nicht geglaubt, dass es so etwas noch gibt. Der Ausdruck „aus der Zeit gefallen“ ist für mich jetzt erst bildlich behaftet. Wer sich ins Café Reichardt setzt, fällt buchstäblich aus der Zeit, zurück in vergangene Jahrzehnte, und sollte ich jemals einen Zeitreiseroman verfassen, würde ich ihn vermutlich dort beginnen lassen.

Es geht schon mit der omnipräsenten Dominanz der Farben Weiß und Rosa los. Die puderfarbenen Tapeten mit glänzendem Jacquardmuster hätten einer Madame de Pompadour Freude gemacht. Aber noch mehr haben mich die matt weiß lackierten Holzpanele und die Spiegelglasscheiben mit aufgesetzten Rundbögen fasziniert. Und erst die Stühle! Seitdem meine Schwester ihr Lundby-Puppenhaus eingemottet hat, habe ich nicht mehr so samtige Sitzflächen auf solch filigranen Chippendale-Beinen gesehen. Das geschwungene R, das auf den floralen Rauten der altrosa Auslegeware mit einem Blumenkranz wechselt, findet sich elegant auf dem Mohair ihrer Rückenlehnen wieder. Korrespondierend dazu steht auf einer Empore ein weißer Flügel. Wann er wohl zuletzt genutzt wurde?

Traumschiff trifft Chippendale

Aktuell jedenfalls kommt die Musik, wie man seinerzeit so schön sagte, „vom Band“. Die Ausstattung betrachtend muss ich sagen: Vermutlich kommt sie hier in der Tat noch vom Band, denn wenn die Technik in den 1960er Jahren in gleicher Klasse gewählt wurde wie Stühle, Teppich und Wandverkleidung, dann dürfte sie bis heute ihren Dienst erfüllen. Jedenfalls erklingt aus dem Lautsprecher über meinem Kopf Traumschiffmusik. Bridge over troubled water, Mandy und ein gefühlvoll verlangsamtes Mamma Mia, intoniert von dramatischen Streichern und einem sentimental gespielten Klavier.

Von meiner halbrunden Sofa-Sitzecken aus und lasse das Ensemble auf mich wirken. Eigentlich kann ich gut in Cafés arbeiten, denn das akustische Tohuwabohu von geflüsterten Gesprächen, Bestellungen, Tassenklappern und gelegentlicher Musik versuppt für gewöhnlich in einem Einheitsbrei, der meine Konzentration nicht stört. Im Café Reichardt ist das anders. Das dortige Übermaß an aus der Mode gekommener Eleganz hat mich so in seinen Bann geschlagen, dass ich nicht abschalten kann. Szene-Cafés, in denen junge und halbwegs junge Menschen mit Laptops sitzen, sind hier eine Million Lichtjahre weit weg. Hierher kommt man, um zu leben. Mitten in dieser schmuddeligen, lauten, hektischen Stadt Köln, die an so vielen Ecken und Enden zeigt, dass sie gerne ein bisschen moderner wäre als sie es ist, hat sich ein Stück Kaffeehauskultur erhalten. Eine Oase, die Menschen aufsuchen, um für den Preis einer Tasse Kaffee einzutauchen in jene Tage, als die Uhren etwas langsamer gingen.

So wie die zwei älteren Damen, die sich zum Frühstück getroffen haben. „Sie ist ja alleinstehend. Das ist für sie nicht einfach“, tratschen sie über eine gemeinsame Bekannte, sichtbar zufrieden, dass das auf sie wohl nicht zutrifft. Dann geht es um Reisepläne. „Unsere Freunde aus Miami haben uns eingeladen“, sagt die eine. Die andere nickt wissend.

Darf man einen Luftkuss verschicken, wenn man Streit hat?

Weniger gut getroffen hat es das Pärchen am Nachbartisch. Sie: eine dunkelhaarige Matrone mit stolzem Blick und goldenen Creolen. Er: ein dicklicher Mann mittleren Alters, der ein mittelklassiges Karohemd trägt und versucht, in einem Grundsatzgespräch über die Zukunft der Beziehung der beiden irgendwie weiterzukommen. Wie hat sie es gemeint, dass sie ihm per Handynachricht einen Luftkuss gemeint hat, obwohl sie zerstritten waren? Darf man einen Luftkuss verschicken, wenn gerade der Haussegen schief hängt? Erwachsene Leute im Jahr 2018 diskutieren so etwas. Hier zumindest ist noch Zeit dafür. Und das mag auch gut sein so. Denn nachdem beide eine Stunde lang halblaut ihre Entrüstung übereinander zum Ausdruck gebracht haben, scheint eine Lösung gefunden. Als die Traumschiffmusik beginnt, sich zu wiederholen, nimmt er sie in den Arm und küsst sie. Ohne Luft.

Chippendale-Möbel scheinen geradewegs den Weg zurück in eine glücklichere Vergangenheit zu ebnen.