Das Ende der Normalität

In vieler Hinsicht ist Natalies Leben so normal, wie das Leben einer 19-Jährigen nur sein kann: Sie ist mit der Schule fertig und arbeitet jetzt erst mal in einem Café. Später würde sie gerne Journalistin werden. Ein erstes Praktikum in einer Online-Redaktion hat sie schon hinter sich.

Aufgewachsen ist Natalie, zusammen mit ihrem vier Jahre jüngeren Bruder, in einer freundlichen, großen Altbauwohnung im rechtsrheinischen Köln. Sie traf sich gerne mit ihren Freundinnen. Manchmal verbrachten sie die Zeit auch gemeinsam mit Natalies Bruder und dessen Freund. Sie besuchte die Grundschule und später die Gesamtschule Holweide, wo sie sich mit den anderen aus ihrer Klasse gut verstand. „Es war eine mittelgroße Klasse“, erzählt sie und sagt: „Manchmal bin ich ein bisschen traurig, nicht mehr da zu sein. Aber wir haben ja noch unsere Whatsapp-Gruppe. Da schreiben wir uns.“ Ein Leben, wie es viele in ihrem Alter führen.

Doch dann kam diese Filmvorführung, mit der ein Thema in Natalies Leben getreten ist, das sie seitdem begleitet. Natalie, die für das Lifestyle- und Gesellschaftsmagazin „Ohrenkuss“ schreibt, sah zusammen mit anderen aus der Redaktion den Film „24 Wochen“ an. „Ich bin heulend raus gerannt“, erinnert sie sich: „Da gibt es eine Mutter, die ihr Kind töten will! Ich weiß nicht, warum.“ Noch verstörender war für die junge Frau die Erkenntnis: Das Baby im Film soll abgetrieben werden, weil es so ist wie sie.

Natalie hat Down-Syndrom. Bislang bedeutete das in ihrem Leben nicht viel. Abgesehen von der Tatsache, dass sie schneller zunimmt als andere. Das findet sie ärgerlich, denn sie liebt Kekse. „Ein Essproblem“, lächelt sie verschämt. Ihre zierliche Statur verrät allerdings, dass sie dieses „Problem“ ganz gut im Griff hat.

Theater, Frühstück mit Freunden und Bowling: „Wir sind cool!“

Gefragt, wie Menschen mit Down-Syndrom sind, muss Natalie kurz überlegen. „In meiner Familie bin ich die einzige“, sagt sie. Aber natürlich kennt sie andere. Ihren Freund Nico zum Beispiel. Den hat sie, als wir uns zum Interview treffen, schon zwei Wochen lang nicht gesehen, weil beide so viele Termine hatten. Dementsprechend ist sie jetzt ziemlich aufgeregt, wenn sie an das nächste Treffen mit ihm denkt. Während sie im Schneidersitz auf einem bequemen Sessel sitzt, zupft sie an ihren Wollsocken – mit einer teenager-typischen Mischung aus Verlegenheit und Stolz. „Wir sind schon seit einem halben Jahr zusammen“, erzählt sie dabei. „Morgen fahre ich zum Frühstück zu ihm!“ Nico spielt, wie Natalie, in einer Theater-AG. Daher kennen sie sich.

Natalies beste Freundinnen, Marie und Lilly, haben auch Down-Syndrom. Genau wie die Leute, mit denen sich Natalie regelmäßig zum Bowling trifft. Dann gibt es natürlich noch die Ohrenkuss-Redaktion, auch dort ist sie vorwiegend unter Menschen mit Down-Syndrom. Was macht sie alle aus, die Menschen mit Down-Syndrom? Natalie denkt kurz nach und sagt dann: „Sie sind cool!“

„Pränataldiagnostik ist mein Lieblingsthema“

Das sehen nicht alle so. Natalie weiß, dass manche Frauen Angst vor Kindern mit Down-Syndrom haben. So hat es ihr jedenfalls Angela Merkel erklärt, als die damals 18-Jährige in der Wahlarena 2017 die Kanzlerin gefragt hat, wieso in Deutschland Babys mit Down-Syndrom bis kurz vor dem Geburtstermin abgetrieben werden können. Angst. Aber warum? Diese Frage bleibt offen. „Ich fühle mich damit …“ Sie sucht nach Worten, dann bricht es aus ihr heraus: „Ich fühle mich damit Scheiße, dass Kinder mit Down-Syndrom abgetrieben werden! Ich weiß nicht, was die Leute uns damit sagen wollen.“

Pränataldiagnostik ist seitdem ihr Thema. Ihr „Lieblingsthema“ sogar, sagt sie und beschäftigt sich viel damit, recherchiert im Internet und schreibt als Bloggerin darüber. Natalie, die sich für Politik interessiert, setzt ihre Hoffnung jetzt in eine Debatte, die im Bundestag beantragt worden ist. Darin geht es um die Frage, ob pränatale Tests auf Down-Syndrom in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen aufgenommen werden dürfen. Käme es dazu, wäre unter Umständen mit noch mehr Abtreibungen zu rechnen. „Dann passiert das, wogegen ich kämpfe. Dann gibt es weniger Menschen mit Down-Syndrom“, sagt die junge Frau.

Was würde sie selbst einer Frau sagen, die ein Kind mit Down-Syndrom erwartet und davor Angst hat? Das weiß Natalie genau. „Ich würde sagen, sie soll eine gute Mutter sein. Sie soll ihr Kind nicht töten. Sie soll nehmen, was kommt.“

„Sie gehören in den Alltag“

Genau so hat es Natalies Mutter gesehen, als vor 19 Jahren ihre Tochter mit Down-Syndrom zur Welt kam. „Natürlich hatte ich anfangs Angst und habe mir Sorgen gemacht“, gibt Michaela Dedreux offen zu. Sie hält es aber für einen Irrglauben, dass man Angst und Sorge aus dem Leben ausschließen könne. „Unerwartetes passiert immer“, lautet ihre Erfahrung. Im Vergleich ihrer beiden Kinder könnte sie gar nicht sagen, mit welchem sie mehr oder weniger Sorgen gehabt hätte.

Was sie sich von der Gesellschaft wünscht? „Inklusion. Das ist das Zauberwort; gelebte Inklusion! Menschen wie Natalie gehören selbstverständlich in den Alltag. Dadurch, dass man solche Menschen im Alltag kaum sieht, haben andere Leute Dinge über sie im Kopf, die gar nicht richtig sind. Es gibt so viele Menschen mit Down-Syndrom, die so selbständig leben wie sie – und noch viel mehr, die es könnten, wenn man sie ließe!“

Über ihre Sicht auf die Welt und interessante Dinge, die sie erlebt, schreibt Natalie auf ihrem Blog unter www.nataliededreux.de.

Noch mehr spannende Perspektiven aus dem Leben mit Down-Syndrom finden sich unter www.ohrenkuss.de.