Ein Abschied

Es war ein tolles Gefühl, einen Schlüssel zur Kirche zu haben. Ihn wieder abzugeben, tat weh. Trotzdem bin ich ausgetreten.

Kirchenaustritt? Konnte ich mir früher für mich persönlich nicht vorstellen. Nach anderthalb Jahren als Presbyterin, also Mitglied der Gemeindeleitung, habe ich mich zu genau diesem Schritt entschieden. Ich habe mein Amt als Presbyterin niedergelegt und bin aus der Kirche ausgetreten.

Was ist da passiert? Die Sache ist: Über vieles darf ich nicht sprechen. Die Kirchenordnung sieht Transparenz nicht grundsätzlich vor – sie schließt sie allerdings auch nicht grundsätzlich aus. Es heißt da, in Artikel 24: „Die Mitglieder des Presbyteriums sind in allen Angelegenheiten, die ihnen in Ausübung ihres Amtes, insbesondere in seelsorglichen Zusammenhängen, bekannt werden, oder die ihrer Natur nach vertraulich sind oder als solche bezeichnet sind, zur Verschwiegenheit verpflichtet, auch wenn sie aus ihrem Amt ausgeschieden sind.“ Artikel 23 gibt allerdings einige Freiheit: „Das Presbyterium kann Öffentlichkeit beschließen, soweit nicht seelsorgliche oder andere Angelegenheiten, die ihrem Wesen nach vertraulich sind, verhandelt werden.“

Das Presbyterium meiner Gemeinde hat keine Öffentlichkeit beschlossen. Im Gegenteil, es wurde sogar angeregt, die – pandemiebedingt – geöffneten Terrassentüren zu schließen, „sonst sind wir öffentlich“. Ich gehe davon aus, diese Aussage zitieren zu dürfen, denn sie erfolgte ja bei geöffneten Türen, die Person war sich also, das ergibt die Aussagelogik, bewusst, öffentlich zu sprechen.

Nun habe ich in meinem Umfeld genug kirchenferne Leute, um zu wissen, dass diese Situation in großen Teilen der Bevölkerung nichts als Heiterkeit hervorrufen würde: What the fuck soll denn in einer evangelischen Gemeinde besprochen werden, das so geheim ist, dass man – trotz Pandemie – nicht einmal die Fenster oder Türen offenhalten kann? Das klingt nach Realsatire und einem überzogenen Verständnis der eigenen Wichtigkeit. Vor allem, wenn ich jetzt noch die Infos ergänze, dass es a) nicht um seelsorgerliche oder vergleichbare Fragen ging, dass b) die Besprechung abends war und c) die geöffneten Terrassentüren zum Kindergartengrundstück hinaus gingen. Man weiß natürlich nie, wer nachts über einen kirchlichen Kindergartenspielplatz schleicht, um das Presbyterium einer evangelischen Gemeinde bei seinen Beratungen zu belauschen. Aber man könnte, in einem demokratischen Land, in einer demokratischen Institution, die sich Jesus Christus verpflichtet fühlt, auch erst mal davon ausgehen, dass es nichts zu verstecken gibt. Man könnte es sogar konspirativ finden, wenn die Frage nach „Öffentlichkeit oder Nicht-Öffentlichkeit“ derart wichtig genommen wird.

Ich muss einräumen: Bevor ich für das Presbyterium kandidierte, habe ich es versäumt, mir die Kirchenordnung durchzulesen. Das war, denke ich heute, naiv. Da ich daran glaube, dass Transparenz eine Grundvoraussetzung zur Legitimation demokratischer Prozesse ist, hätte ich anderenfalls vermutlich nicht für diese Institution kandidiert. Vielleicht aber auch doch – denn mit dem, was mich dort erwartete, hätte ich einfach nicht gerechnet.

Ich wusste: Das Presbyterium einer evangelischen Gemeinde wird demokratisch gewählt und leitet anschließend die Geschicke der Gemeinde. Was viele nicht wissen, Protestanten aber gerne betonen: Es ist dabei auch den Pfarrerinnen und Pfarrern gegenüber nicht weisungsgebunden. Hier liegt ein wichtiger Unterschied zur katholischen Kirche und ein wichtiger Aspekt des Protestantismus an sich: Es ist die Gemeinde, die entscheidet. Vertreten durch das gewählte Presbyterium. Die Pfarrerinnen und Pfarrer sind zwar stimmberechtigte Mitglieder, können aber überstimmt werden. Jeder einzelne zählt.

Das finde ich, historisch betrachtet, wertvoll. Schließlich gehen wir auf Martin Luther zurück, der die Christinnen und Christen dazu ermutigen wollte, sich nicht länger den Geistlichen zu unterwerfen, sondern sich nach eigenem Gewissen und Bibelverständnis selbst zu fragen, was Gott wohl von uns will. Was Martin Luther nicht vorhersehen konnte: dass die Kirche sich in einem wirtschaftspolitischen Klima weiterentwickelt, in welchem die Logik des Marktes viel, die Lehre Jesu aber nur noch wenig Gewicht hat. An welcher Stelle sich dabei eine Kirchengemeinde positionieren möchte oder sollte, dass kann man sich fragen.

Man kann sich fragen, ob Gemeindemitglieder wohl mehr Wert darauf legen, dass ihre Kirchensteuern als Teil des Gemeindevermögens nach heutigem Wirtschaftsverständnis gut, also langfristig gewinnbringend, verwaltet werden – oder ob sie das vielleicht gar nicht erwarten, weil sie in der Kirche eine Institution sehen, die sich unter anderem der Hilfe für die Schwächsten verschrieben hat, was in vielen Fällen einfach nicht gewinnbringend sein kann. Wie die Mehrheitsantwort auf eine solche Frage ausfallen würde, weiß ich nicht. Vermutlich würde sich das auch von Gemeinde zu Gemeinde unterscheiden. Menschen und ihre Erwartungshaltungen sind verschieden.

Eine Orientierungshilfe könnte sein, was Jesus sagt: Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, da sie die Motten und der Rost fressen und da die Diebe nachgraben und stehlen. Sammelt euch aber Schätze im Himmel, da sie weder Motten noch Rost fressen und da die Diebe nicht nachgraben noch stehlen. Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz. (…) Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ (Matthäus 6, 19 – 24). Oder auch: Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. (Matthäus 25, 40)

In jedem Fall würde es aber einer Institution, die sich so sehr über ihre demokratischen Strukturen definiert, gut zu Gesicht stehen, Diskussionen von solcher Wichtigkeit mit Transparenz zu führen. Denn welchen Wert hat sonst die demokratische Wahl? Wenn nach einer erneuten Wahl neue Köpfe im Presbyterium sind, die bestimmte Dinge anders sehen als diejenigen, die schon lange dabei sind, dann ist das aus demokratischer Sicht ein wertvoller Schnitt, denn dadurch werden Strukturen und Entscheidungsprozesse neu hinterfragt. Genau das ist der Grund dafür, dass in demokratischen Systemen Legislaturperioden begrenzt sind. Dadurch haben Wähler die Gelegenheit, Vertreter abzuwählen, mit denen sie nicht länger einverstanden sind.

Aber welchen Wert hat diese Entscheidungsfreiheit, wenn wegen beharrlicher Nicht-Öffentlichkeit gar nicht bekannt ist, für welche Werte und Überzeugungen die jeweiligen Vertreter stehen?

Und: Welchen Wert hat diese demokratische Struktur, wenn jene, die schon länger im Amt sind, für sich in Anspruch nehmen, bereits die ideale Lösung für jedes Problem gefunden zu haben? Welchen Wert hat diese demokratische Struktur, wenn der Gedanke ist: „Die, die neu dabei sind, sehen es noch nicht so wie wir.“ Dieser Satz fiel tatsächlich. „Noch nicht!“ Aber vielleicht sehe ich es ja niemals so? Weil ich schließlich nicht einer Sekte angehöre, deren Gehirnwäsche und Leitgedanken ich mich irgendwann unterwerfe, sondern eine gut begründete eigene Meinung habe.

Interessant ist in diesem Zusammenhang übrigens, dass die Kirchenordnung vorsieht, dass Entscheidungen möglichst einvernehmlich getroffen werden sollen. Das ist eine schöne, harmonisierende Utopie, aber wie das mit der zwangsläufigen Meinungspluralität eines mehrköpfigen, demokratisch gewählten Gremiums in Einklang zu bringen ist, entzieht sich meinem Verständnis als Politikwissenschaftlerin.

Ich sah es als selbstverständlich, dass der Dienst an den jeweils Schwächeren und erst recht an den Schwächsten der Gesellschaft einer der wichtigsten Aufträge für Christinnen und Christen ist.

Ich akzeptiere, dass ich mich nicht dazu äußern darf, was ich in nicht-öffentlichen Sitzungen, über die ich mich zur Verschwiegenheit verpflichtet habe, gehört habe. Ich darf aber sagen: Ich ziehe mich aus der Gemeindeleitung zurück und wende mich von der Landeskirche ab, weil ich die Werte, die mir für eine Kirche selbstverständlich schienen, dort nicht mit Selbstverständlichkeit erfüllt sah. Ein leichter Schritt war das nicht. Die Entscheidung ist über mehrere Monate gereift. Zurück bleiben Entsetzen, Trauer – und der Wunsch nach einem neuen Martin Luther, der die Kirche erneut reformiert.