Liebe in Zeiten des Krieges

Plötzlich bekämpfen sich ihre Heimatländer: Ein russisch-ukrainisches Paar aus Köln erzählt, wie sie den Beginn des Krieges erlebt haben.

„Früher haben wir nicht über Politik gesprochen, aber in den letzten vier Monaten immer öfter. Manchmal haben wir auch gestritten“, erzählt Liliia Lypivska. Die 42-jährige ist Ukrainerin. Ihr Lebensgefährte, Andrej Geier, ist in Russland geboren. Er bekennt: „Ich habe Putin für einen starken Staatsmann gehalten. Aber seit dem 24. Februar sehe ich alles anders. Mein Volk hat ein Brudervolk angegriffen! Ein Ukrainer wird mich nie wieder ‚Bruder‘ nennen.“

Die Erschöpfung steht dem in Köln lebenden Paar ins Gesicht geschrieben. Hinter ihnen liegen zwei aufwühlende Wochen. Schon am Wochenende vor dem Kriegsausbruch seien sie alarmiert gewesen, als ein Freund aus der russischen Stadt Kursk, nahe der Grenze zur Ukraine, Nachrichten schickte: In der Stadt versammle sich unglaublich viel Militär, so etwas habe es noch nie gegeben. Liliia Lypivska reagierte sofort und buchte für ihre Mutter, die noch in Kiew lebte, ein Flugticket. Das war allerdings erst für den darauffolgenden Freitag möglich. Zu spät, wie sich herausstellte.

Ein Freund fragte, ob er die Kinder retten könne

„Donnerstag rief mich um sechs Uhr morgens ein ukrainischer Freund an und sagte: ‚Es ist Krieg.‘ Dann telefonierte ich mit meiner Mutter. Sie war durch die Bombardierung wach geworden und weinte“, berichtet die 42-Jährige. Sie rief ihren Freund an, der schon bei der Arbeit war. In Abstimmung mit seinen Vorgesetzten ließ er alles stehen und liegen, um ins Kriegsgebiet zu fahren und die Mutter zu holen. Unterwegs musste er zweimal die Route ändern: Erst erfuhr Liliia, die von Köln aus mit beiden in Kontakt stand, dass ihre Mutter ein Busticket nach Prag bekommen konnte. Dann stellte sich heraus, dass der Bus über Lemberg führe, so dass man übereinkam, sich dort zu treffen.

Im Auto erreichte Andrej die Bitte eines ukrainischen Freundes: „Er fragte, ob ich seine Kinder und seine Ex-Frau mitnehmen könnte.“ Andrej sagte zu. In einem Dorf bei Lemberg holte er die beiden Jugendlichen von ihren Großeltern ab. Der Abschied habe sich in sein Gedächtnis gebrannt, wie auch viele andere emotionale Momente: „Die Oma hat mir noch Kaffee und Butterbrote gemacht. Sie war so verzweifelt. Ich saß in ihrer Küche und habe begriffen: Ich bin in einem Land, das meine Landsleute gerade angreifen. Ich nehme die Kinder mit, ihre Oma bleibt hier. Ich habe sie umarmt und ihr gesagt, dass alles gut wird. Sie hat die Umarmung erwidert.

„Seitdem mein Sohn Krebs hatte, haben meine Söhne vor nichts mehr Angst“

Im Lemberg gelang es, sowohl Liliias Mutter als auch die der beiden Jugendlichen zu finden. Die Situation in den Straßen schildert Andrej als bizarr: „Manche standen mit Taschen bereit zur Abreise, andere gingen spazieren.“ Zu diesem Zeitpunkt war er schon mehr als 24 Stunden lang wach. Den ersten Teil der etwa 80 Kilometer von Lemberg bis zur polnischen Grenze hätten sie gut zurückgelegt – aber auf den letzten elf Kilometern steckten sie in der Autoschlage der Fliehenden fest. „Nachts wurde es kalt. Ich habe versucht zu schlafen. Dann wurde ich wieder wachgeschüttelt, weil es zwei Meter weiter ging“, skizziert er.

Zu Hause in Köln sitzt Liliia. Auch sie schläft tagelang kaum. „Andrej in Gefahr, Mutti in Gefahr, mir standen die Haare zu Berge“, erinnert sie. Nur ihre Söhne, 14 und 18 Jahre alt, seien gelassen geblieben: „Nachdem mein älterer Sohn krebskrank war und wir nach unserer Ankunft hier ein halbes Jahr in einem Flüchtlingsheim leben mussten, haben sie jetzt vor nichts mehr Angst.“

Ausharren auf der Autobahn

Nach der ersten Nacht, sagt Andrej, habe er sich gesorgt, dass das Essen knapp werden könne. Aus dieser Überlegung heraus sei er ausgeschert, über die Gegenfahrbahn an der langen Autoschlange vorbeigezogen und erst zwei Kilometer später wieder eingeschert. Doch dann: „Ich sah, dass im Auto vor mir eine Familie mit ganz kleinen Kindern saß. An denen konnte ich nicht vorbeiziehen.“ An diesem Tabu habe er festgehalten, auch, als der ersten Nacht zu fünft im Auto noch eine zweite gefolgt sei. In dieser habe Liliias Mutter ihn geweckt: „Sie sagte: Rakete, Rakete!“ Andrej sitzt in der Bickendorfer Wohnung am Küchentisch, zieht sein Handy hervor und zeigt ein Foto: mitten im sternklaren Himmel über einer verschneiten Landstraße ein langer, heller Lichtstreif, der weder wie eine Sternschnuppe noch wie Satellit aussieht.

Im Laufe des Sonntags gelingt der Grenzübertritt, am Vormittag des Montags erreichen die fünf in Köln. Doch die Sicherheit, in der er nun ist, kann Andrej nicht mehr genießen. Er überlegt, noch einmal zurückzufahren. So viele sind noch dort. „Ich habe das Gefühl, als ob ich etwas Unvollbrachtes hinter mir gelassen habe“, sagt er. Nachrichten kann er momentan keine mehr schauen, es sind zu viele Eindrücke. Anders Liliia: Sie verfolgt die Geschehnisse im ukrainischen Online-Fernsehen und ist in großer Angst. Ein Freund von ihr berichte, dass dringend kugelsichere Westen gebraucht würden. Außerdem hofft sie auf die Schließung des Luftraumes durch die NATO: „Bitte, macht den Himmel zu. Die Ukraine braucht Hilfe. Wenn es zu lange dauert, ist es zu spät.“