Zwei Welten auf einem Planeten

Sarah Stracke (43), freiberufliche Mediengestalterin und Mutter einer kleinen Tochter, pendelt seit 15 Jahren zwischen ihrem Leben in Lübeck und intensivem Ehrenamt in Kenia. Wie das klappt und was sie dabei bewegt, erzählt sie im Interview.

Sarah, mit dem Verein KIDS Kenia unterstützen dein Mann und du ein Kinderheim in Kenia. Wie entstand dieser Kontakt?

Das Kinderheim gibt es schon seit 1999. Es entstand durch ein internationales Work Camp. Junge Leute, die sich nach der Schule engagieren wollten, haben zusammen mit einer lokalen Organisation und der Kirche in Kiaragana aus alten Shops ein Kinderheim gemacht. Das Heim wurde dann von der Community getragen. Wer etwas übrig hatte, hat es dort abgegeben. Finanzielle Strukturen gab es aber nicht.

Mein Mann und ich haben 2005 in Lübeck jemanden kennengelernt, der am Aufbau des Kinderheims beteiligt war und uns davon erzählt hat. Wir waren vorher noch nie in Afrika, es hat uns interessiert. Somit reisten wir 2006 zum ersten Mal nach Kenia. Nach Kiaragana. Damals haben wir nicht daran gedacht, einen Verein zu gründen! Wir fanden vor Ort 13 Kinder, zwei Mütter und ganz einfache Verhältnisse vor.  Drei Monate lebten wir mit den Kids im Kinderheim. Alles war neu, intensiv und teilweise unbegreiflich. Als wir dann im Flieger zurück nach Deutschland saßen, haben wir gedacht: ‚Und jetzt? Ist das nun eine Erfahrung, die wir unseren Kindern erzählen? Oder ist es mehr?‘ Wir hatten Real Africa kennengelernt und kamen zurück in den absoluten Überfluss und in die sogenannte erste Welt. Es entstand die Idee, Spendengelder zu sammeln und einen Verein zu gründen um die Kids und das Kinderheim zu unterstützen. Wir haben Vorträge gehalten und von unseren Erfahrungen berichtet. So kamen die ersten Spender. Im Sommer 2006 haben wir den Verein KIDS Kenia gegründet. Das Projekt wächst seitdem Tag für Tag. Mittlerweile sind wir auch in Kenia als NGO registriert und für die kenianischen Behörden greifbar. Wir haben neben dem Kinderheim ein anknüpfendes Bildungsprogramm ins Leben gerufen, in dem Jugendliche die Chance erhalten, eine Berufsausbildung zu machen oder eine akademische Laufbahn einzuschlagen und zu absolvieren. Ein ganzheitlicher Ansatz war und ist unser Ziel.

Um für kenianische Kinder sorgen zu können, müsst ihr euch mit den Behörden vor Ort abstimmen. Wie klappt das?

Wir haben von Anfang an eng mit den Dorfbewohnern zusammengearbeitet. Sie sehen die Kinder, für die keine Familie sorgen kann, als ihre Kinder an, um die sie sich gemeinsam kümmern. Bei ihnen sind wir als starker Partner eingestiegen. Inzwischen haben wir im Kinderheim sieben kenianische Angestellte beschäftigt und gelten als verlässlicher Arbeitgeber. So können wir echte Hilfe vor Ort leisten.

Wir planen nicht vom deutschen Schreibtisch aus, sondern stimmen uns mit den Dorfältesten oder den Beamten ab. Wir begegnen uns auf Augenhöhe und treffen Entscheidungen basisdemokratisch. Das kann viele Hürden mit sich bringen, aber es ist das Einzige, was Respekt und Integrität bringt. Inzwischen haben wir in Kiragana ein Standing. Wir haben zum Beispiel die Maxime, Korruption nicht zu unterstützen. Wenn wir dadurch lange auf etwas warten müssen, nehmen wir uns dafür die Zeit. Wir sitzen Dinge aus, erledigen sie selbst oder diskutieren mit den Menschen. Damit sind wir über die Jahre gut gefahren und werden inzwischen zum Teil auch von anderen Hilfsorganisationen um Rat gefragt.

Wer sind die Dorfältesten, mit denen ihr euch abstimmt?

Das ist in diesem Dorf, das aus etwa hundert Hütten besteht, eine Gruppe von rund dreißig Personen. Den harten Kern bilden sechs bis zehn von ihnen. Sie sind unsere Ansprechpartner. Sie sind mit 70, 80, zum Teil über 90 Jahren tatsächlich die Ältesten. Wie alt sie genau sind, kann man nicht sagen, weil sich die Menschen dort nicht für Geburtsdaten interessieren. Sie orientieren sich eher daran, ob Dinge vor oder nach einer starken Regenzeit passiert sind, oder an anderen Ereignissen, die für ihr Leben Bedeutung haben.

Als ihr das Kinderheim kennengelernt habt, waren dort 13 Kinder untergebracht. Wie ist die Situation heute?

Zurzeit leben dim Kinderheim 28 Kinder und weitere 30 sind aktuell in unserem Bildungsprogramm. Zusätzlich halten wir zwei Betten als Notfallplätze frei. Die Kids sind zwischen drei und 18 Jahre alt. Über sie alle liegen Gerichtsbeschlüsse vor, mit denen sie in unsere Obhut gegeben wurden. Sie haben ganz unterschiedliche Lebensläufe. Manchmal berichten wir darüber in unseren Newslettern, aber niemals mit Klarnamen und Bild. Das wäre für die Kinder viel zu gefährlich, und sie sollen auch nicht stigmatisiert werden.

Es gibt Kinder, die nicht bei ihren Eltern bleiben können. Zum Beispiel Mädchen, die von ihren Müttern an Männer verkauft wurden, schon als kleine Kinder. Wenn diese Mädchen erwachsen werden, ist ihre Unterbringung nicht einfach, denn sie sind überall in Gefahr, weil die Eltern sie wiederhaben und erneut verkaufen möchten. In Kenia verschwinden immer wieder junge Frauen, aber auch junge Männer. Die Gefahr des Kidnappings ist groß.

Alle unsere Kinder sind Notfälle. Ihre Familien sind zerrüttet und die nächsten Verwandten sind arm und nicht in der Lage zusätzliche Mäuler zu stopfen. Offiziell ist die Primary Education in Kenia frei. Das ist aber eine glatte Lüge. Faktisch sind die Schulkosten pro Kind und Jahr für die oben genannten Familien nicht leistbar: Extra Kursgebühren, Tuition – also Schulgeld, Prüfungsgebühren, Schuluniformen und Lernmittel sind von den Eltern zu übernehmen. Diese Kosten werden von den Schulen nur selten transparent aufgeschlüsselt. In puncto Transparenz sind die privaten Schulen den staatlichen weit voraus.

Die kenianische Regierung sieht Kinderheime eigentlich nicht gern, würde sie lieber schließen und Kinder in die Adoption geben, um die vorhandene Kinderarmut zu kaschieren. Die Kinder bei uns sind aber der lebende Beweis für Kinderarmut. Unzählige, auch sehr kleine Kinder, haben niemanden, der sich um sie sorgt. Sie sind auf sich allein gestellt und allen Gefahren da draußen ausgesetzt.

Wie geht ihr damit um, wenn Kinder traumatisiert sind?

Therapeutische Begleitung, wie wir sie in Deutschland kennen, gibt es in Kenia nicht. Während wir in Deutschland dazu neigen, unsere Kinder in Watte zu packen, müssen Gleichaltrige in Kenia vieles mit sich selbst ausmachen. Im Kinderheim haben wir eine Sozialarbeiterin angestellt. Außerdem unterstützt uns seit einigen Jahren eine Traumatherapeutin aus Lübeck. Sie kommt einmal im Jahr für ein bis zwei Monate nach Kiaragana. In dieser Zeit sind ihre Möglichkeiten natürlich begrenzt, aber sie kann zum Beispiel mit den Kindern Traumreisen machen und ihnen zeigen, wie sie sich stärken können, statt in ein großes Loch zu fallen. Selbst das hat schon einen immensen Effekt. Die Kinder sind dadurch viel selbstbewusster und können besser sprechen.

Frustrieren dich manchmal die Erfahrungen, die ihr in Kenia macht?

Von Frustration würde ich überhaupt nicht sprechen, höchstens von Herausforderungen oder Komplexität. Ich finde es sehr spannend und interessant, wie die Dinge auf der Welt funktionieren. Die Komplexität fand ich schon als Teenager wissenswert und lehrreich. Es bedarf jahrelange Erfahrungen und Verständnis um effektive Hilfe vor Ort zu leisten. Den Kindern zu helfen, ist eine der schönsten Aufgaben meines Lebens, die ich niemals missen möchte. Denn diese Erfahrungen zeigen mir jeden Tag, wie wertvoll das Leben ist. Es ist ein Geschenk, welches viele Menschen mit Füssen treten. Ich bewundere die Kids mit ihrem starken Willen zu leben. Sie befinden sich oft in fast aussichtslosen Situation, und trotzdem ist da das Fünkchen Hoffnung, was sie in sich tragen. Die teilweise dramatischen Vergangenheiten der Kids zeigen mir, wie brutal und bestialisch Menschen sein können. Aber dafür muss ich nicht nach Afrika reisen, das passiert überall auf der Welt. Nur: In armen Ländern gilt es als normal, und das ist in meinem Augen unmenschlich und verwerflich.

Wie viel Zeit verbringst du regelmäßig in Kiaragana, und wie vereinbarst du das mit deiner Arbeit in Deutschland?

Wir sind jedes Jahr etwa vier Monate lang dort. Diese Zeit verteilen wir aufs Frühjahr und den Herbst. Ich bin selbstständige Mediengestalterin und arbeite für unterschiedliche Unternehmen und Privatpersonen. Anfangs habe ich mir Arbeit nach Kenia mitgenommen, aber das mache ich schon seit fast zehn Jahren nicht mehr. Ich bin dort einfach gedanklich ganz woanders, und es ist unrealistisch, von dort aus für Projekte in Deutschland zu arbeiten. Zum Glück habe ich Kunden, die das verstehen. Sie erfahren von mir Anfang des Jahres, wann ich nicht da bin, so dass sich alle darauf einstellen können. Für echte Notfälle bin ich aber auch dort zu erreichen. Aber es ist und bleibt ein Balanceakt.

Wie gehst Du damit um, beim Rückflug die Armut der Menschen hinter Dir zu lassen und hier wieder in ein so privilegiertes Land zu kommen?

Vergleiche habe ich mir einfach abgewöhnt. Wir leben auf einem Planeten, trotzdem sind es unterschiedliche Welten. Viele Fähigkeiten, die in Deutschland ein Einkommen sichern, sind im ländlichen Kenia nutzlos. Dort gibt es eine extreme Armut, die einen an jeder Ecke brutal anspringt. Vor diesem Hintergrund erscheinen manche unserer hiesigen Probleme als absurd. Trotzdem muss man sie ernst nehmen.

Bei jeder Rückreise freue ich mich darauf, wieder nach Hause zu kommen, auch wenn ich gleichzeitig den Wunsch habe, länger in Kenia zu bleiben. Hier in Deutschland sind meine Freunde, meine Kultur, meine Muttersprache – eben meine Wurzeln. Hier kann ich meinen Lebensunterhalt verdienen und somit auch die finanzielle Grundlage für mein verantwortungsvolles Ehrenamt schaffen.

Eine bezahlte Stelle in unserem Verein, also ein Hauptamt, wäre hierbei sicherlich hilfreich, aber das ist finanziell nicht zu leisten. Wir haben aktuell ein jährliches Spendenaufkommen von ca. 100.000 Euro. Und dieses Geld wird zu 100 Prozent für die Kids eingesetzt. 50 Prozent mehr, dann könnten wir uns eine Stelle leisten und das Projekt auf eine neue Stufe heben. Aber davon sind wir leider noch weit entfernt. Denn auch relevante Stiftungen tuen sich mit Stellenfinanzierung in diesem Bereich schwer.

Geld verdienen und dadurch unterstützen, das ist auch ein Thema für viele, die nicht vor Ort aktiv sein können. Wie siehst Du es: Kauft man sich vom schlechten Gewissen frei, wenn man Geld spendet?

Nein, das finde ich nicht. Wenn man vor Ort helfen will, so ist das nobel. Es fehlt den Helfern jedoch oft an Verständnis und Erfahrungen. Die Menschen vor Ort wissen genau, was sie brauchen und was ihnen hilft, doch es scheitert an der finanziellen Situation der Menschen. Wir haben im Kinderheim kleine Projekte, um Geld zu erwirtschaften; aber wenn wir mal ein Schwein verkaufen, kommen wir damit nicht weit. Um wirklich helfen zu können, sind wir auf Spendengelder angewiesen. Schulgelder, Verpflegung, Bedarfsgüter müssen bezahlt werden. Manche der großen Hilfsorganisationen nehmen Beträge unter einer bestimmten Höhe gar nicht an, weil es zu viel Verwaltungsaufwand bedeuten würde. Das ist bei uns anders. Wer uns unterstützt, hilft! Auch mit einer kleinen Spende. Denn das große Ganze ist am Ende doch ausschlaggebend.

Sarah, vielen Erfolg weiterhin mit KIDS Kenia und vielen Dank für das Interview!